Kommentiertes Lehrangebot Wintersemester 2022/23

Im laufenden Wintersemester bietet die Wossidlo-Forschungsstelle für Europäische Ethnologie/Volkskunde wegen des baldigen Ausscheidens ihres Leiters und der dadurch erforderlichen Übergabe der Sammlungen nur ein begrenztes Lehrangebot an.

Die Lehrveranstaltungen der Wossidlo-Forschungsstelle sind ebenso über lsf (Online-Portal für Lehre, Studium und Forschung der Universität Rostock) abrufbar.

Wollen Sie an einer Lehrveranstaltung teilnehmen, tragen Sie sich bitte unter der angegebenen Nummer der Veranstaltung im stud.ip-System in selbige ein.

Übersicht

Von der Volkssage „aus dem Munde“ zur Großstadtlegende im Internet. Zugänge moderner Sagenforschung

Von der Volkssage „aus dem Munde“ zur Großstadtlegende im Internet. Zugänge moderner Sagenforschung

Petra Himstedt-Vaid

Von der Volkssage „aus dem Munde“ zur Großstadtlegende im Internet. Zugänge moderner Sagenforschung

HS, 2 SWS, wo
Mi., 17.15–18.45 Uhr

In der Folkloristik zählt die Volkssage neben Märchen und Schwank zu den Grundformen der Volksdichtung. Während die Haltung des Märchens optimistisch und die des Schwanks unbeschwert ist, verbreitet die Sage ein Klima von Angst, Schrecken und Pessimismus. Der Mensch wird durch ein unerhörtes Erlebnis oder Ereignis erdrückt, in den Glaubenssagen (belief legends) von der Gewalt des Numinosen. Helden (wie in der Heldendichtung) fehlen. Stil und Struktur sind einfach. In dämonologischen, historischen und ätiologischen Sagen werden vielfach Gebotsübertretungen thematisiert, womit die Volkssage einen Beitrag zur sozialen Normenkontrolle leistete.
Zur narrativen Verarbeitung zeitgenössischer Ängste tragen „moderne Sagen“ bei. Sie thematisieren die Angst vor dem Verlust von Sicherheit, vor der Ansteckung mit unheilbaren Krankheiten, vor Einbrüchen, Unfällen und Anschlägen und die Angst vor dem unerwarteten Tod. In der Erzählforschung diskutierte man lange darüber, ob es sich um eine Fortschreibung der „alten“ Volkssage handelt, was sich in einer Vielzahl von Namensgebungen niederschlägt (contemporary legend, urban legend etc.). Typisch ist die frühe Verbindung jener Sagen mit technischen Medien, zunächst der Zeitung und heute dem Internet. Moderne Sagen nähren sich durch den Zweifel, ob das Ereignis tatsächlich passiert oder erfunden ist.
In dem Seminar wird einführend ein Überblick über die Geschichte der Sagenforschung gegeben, verschiedene Erklärungsansätze diskutiert und Formen, Strukturen und Motive der Volkssage analysiert. Schwerpunkt der Volkssage bilden regionale Glaubenssagen aus Mecklenburg.

Literatur (Auswahl)

  • Brednich, Rolf-Wilhelm (2021): „Literarische Ursprünge und Parallelen moderner Sagen“. In: Petra Himstedt-Vaid, Susanne Hose, Holger Meyer, Siegfried Neumann (Hrsg.) (2021): Von Mund zu Ohr via Archiv in die Welt. Beiträge zum mündlichen, literarischen und medialen Erzählen. Festschrift für Christoph Schmitt (Rostocker Beiträge zur Volkskunde und Kulturgeschichte, Band 9). Münster, New York. 263–280.
  • Gerndt, Helge (2020): Sagen - Fakt, Fiktion oder Fake?: eine kurze Reise durch zweifelhafte Geschichten vom Mittelalter bis heute. Münster, New York.
  • Kaneshiro-Hauptmann, Akemi (2009): „Das ist absolut wahr!“ – Wahre Geschichte oder moderne Sage? – Rezeption der modernen Sagen im deutschsprachigen Raum. E-Diss. Göttingen.
  • Klintberg, Bengt af (1992): Der Elefant auf dem VW und andere moderne Sagen und Großstadtmythen. München.
  • Petzoldt, Leander (2002): Einführung in die Sagenforschung. 3. Aufl. Konstanz.
  • Röhrich, Lutz; Uther, Hans-Jörg; Brednich, Rolf Wilhelm: „Sage“. In: Enzyklopädie des Märchens, hrsg. von Rolf Wilhelm Brednich. Bd. 11. Berlin, New York 2004, Sp.1017–1049 (dort weiterführende Literatur).
  • Schneider, Ingo (1999): „Traditionelle Erzählstoffe und Erzählmotive in Contemporary Legends“. In: Christoph Schmitt (Hrsg.): Homo Narrans. Festschrift für Siegfried Neumann. Münster u.a. 165–179.
  • Tangherlini, Timothy R.; Roychowdhury, Vwani; Broadwell, Peter M. (2020); “Bridges, Sex Slaves, Tweets and Guns: A Multi-Domain Model of Conspiracy Theory.” In: Trevor Blank, Andrew Peck (eds): Folklore and Social Media. Logan, UT: Utah State University Press. 39–66.
  • Wójcik, Bartosz (2021) Erzählpalimpseste: Sagen aus Pommern: Fallstudien zu Faktizitäten,Fiktionalitäten und Fiktionen in einemGrenzraum. Hamburg.

Modulprüfung wählbar in:

  • Fachwissenschaftliche Aspekte der Schulrahmenpläne
  • Literatur- und Sprache der Gegenwart
  • Profilbildung Literaturwissenschaft
  • Profilbildung Linguistik und Literaturwissenschaft
  • Profilbildung Literaturwissenschaft oder Linguistik
  • Spezialisierung Neuere und neueste deutsche Literatur

 

 

Brauch und Ritual

Brauch und Ritual

Petra Himstedt-Vaid

Brauch und Ritual

HS, 2 SWS, wo
Mo., 17.15–18.45 Uhr

Bräuche sind ein Mittel ritualisierter zwischenmenschlicher Kommunikation mit demonstrativer Funktion. Der Sinn ihres Vollzuges liegt darin, das Außergewöhnliche im Alltäglichen zu kultivieren, soziale Dynamiken zu bewerten bzw. Übergänge vielfältiger Natur – ob Zäsuren im Arbeits- oder Privatleben oder z.B. im jahreszeitlichen Rhythmus – symbolisch zu begleiten. Nach einer Einführung in Theorie und Methodologie der Brauchforschung werden bedeutsame Brauchtypen (Arbeits-, Jahres- und Lebenslaufbräuche) vorgestellt. Dabei gilt es, Tradierungsstränge und Wandlungsprozesse von Bräuchen in ihrer historischen Entwicklung und geographischen Verbreitung darzustellen sowie deren gegenwärtige Erscheinungsformen, die durch Globalisierung, Regionalisierung und Medialisierung geprägt sich, abzubilden. Bräuche zu deuten heißt stets, sich in die Perspektive der Brauchadressaten, ihre Zeit, ihren Raum, ihr soziales Gefüge und ihre Kommunikationsmittel, hineinzuversetzen. Die Quellenbeispiele dieses Hauptseminars entstammen größtenteils dem norddeutschen Raum und werden in europäischer Dimension historisch und vergleichend betrachtet.

Literatur (Auswahl):

  • Belliger, Andréa (2008): Ritualtheorien. Ein einführendes Handbuch. 4. Aufl. Wiesbaden.
  • Bimmer, Andreas C. (2001): „Brauchforschung“. In: Rolf W. Brednich (Hrsg.): Grundriß der Volkskunde. Einführung in die Arbeitsfelder der Europäischen Ethnologie. 3. Aufl. Berlin. 445–468.
  • Drascek, Daniel (Hrsg.) (2016): Bräuche : Medien : Transformationen : zum Verhältnis von performativen Praktiken und medialen (Re-)Präsentationen: Beiträge der Tagung der Ar­beitsgruppe der volkskundlichen Landesstellen und außeruniversitären volkskundlichen Einrichtungen in der Deutschen Gesellschaft für Volkskunde vom 26. bis 28. April 2012 in München. München.
  • Dücker, Burckhard (2007): Rituale: Formen - Funktionen - Geschichte; eine Einführung in die Ritualwissenschaft. Stuttgart.
  • Gennep, Arnold van (2005): Übergangsriten. 3. erw. Aufl. Frankfurt am Main u.a.
  • Hartinger, Walter (1992): Religion und Brauch. Darmstadt.
  • Köhle-Hezinger, Christel (Hrsg.) (2011): Alltagskultur sakral – profan. Ausgewählte Aufsätze. Münster u.a.
  • Moser, Dietz-Rüdiger (2002): Bräuche und Festedurch das ganzeJahr : Gepflogenheiten der Gegenwart in kulturgeschichtlichen Zusammenhängen. Freiburg.
  • Scharfe, Martin (Hrsg.) (1991): Brauchforschung. Darmstadt.
  • Schell, Csilla (2008): Fest, Brauch, Identität. Freiburg i. Br.
  • Stollberg-Rilinger, Barbara (2019): Rituale. 2., aktualisierte Auflage. Frankfurt.
  • Weber-Kellermann, Ingeborg (1978): Brauch, Familie, Arbeitsleben. Marburg.
  • Weber-Kellermann, Ingeborg (1985): Saure Wochen, frohe Feste: Volksbräuche im Wandel. Frankfurt am Main.

Modulprüfung wählbar in:

  • Fachwissenschaftliche Aspekte der Schulrahmenpläne
  • Literatur- und Sprache der Gegenwart
  • Profilbildung Literaturwissenschaft
  • Profilbildung Linguistik und Literaturwissenschaft
  • Profilbildung Literaturwissenschaft oder Linguistik
  • Spezialisierung Neuere und neueste deutsche Literatur
Vom Zettel zum Graph. Graph Mining anhand von Erzähldatenbanken

Vom Zettel zum Graph. Graph Mining anhand von Erzähldatenbanken

Petra Himstedt-Vaid, Holger Meyer

Vom Zettel zum Graph. Graph Mining anhand von Erzähldatenbanken

S, 2 SWS, wo
Do., 15.15–16.45 Uhr

Über zwei Millionen Zettel aus der „Zettelsammlung“ des volkskundlichen Privatgelehrten und Gymnasialprofessors Richard Wossidlo (1859–1939) und Briefe aus seinem wurden in das digitale Archiv WossiDiA „Wossidlo Digital Archive“ überführt. Diese größtenteils handschriftlichen Zettel und Briefe behandeln Themen wie u.a. die Niederdeutsche Sprache, Volkserzählungen, Bräuche, Erscheinungsformen des Volksglaubens und Bereiche des Alltagslebens.
Im Zettelkastensystem werden die verschiedenen kulturellen und sprachlichen Überlieferungen nach Gattungen, Themen, Inhalten, Motiven, Orten, Erzählerinnen und Erzählern und anderem mehr sortiert sowie durch Verweise aufeinander bezogen. Das digitale Archivsystem basiert auf einer hierfür eigens entwickelten Hypergraph-Datenbank: Während einfache Graphen zwei Netzwerkknoten über eine Kante verbinden, verknüpfen die Hyperkanten ein bis viele Knoten miteinander. Dies kann die hochkomplexe Vernetzungsstruktur der Wossidlo-Sammlung adäquat sichtbar machen und ermöglicht innovative Navigationen, Suchszenarien und Ergebnis-Visualisierungen.
Die verknüpften Daten von WossiDiA bilden die Grundlage für das im Seminar durchzuführende Graph Mining, mit dem z.B. Erzählcluster, Erzählernetzwerke, Ortsbezüge, Vernetzungen etc. aufgezeigt werden sollen.
Das Seminar richtet sich an Studierende der Germanistik und Informatik.

Literatur (Auswahl):

  • Broadwell, Peter M.; Tangherlini, Timothy R. (2020): „Geist, geest, geast, spøgelse: Challenges for multilingual search in belief legend archives“. Arv: Nordic Yearbook ofFolklore 76. 7–28.
  • Himstedt-Vaid, Petra; Schmitt, Christoph (2020): „Digitales Wossidlo-Archiv in länderübergreifender Erzähldatenbank“. Stier und Greif 2. 58–59.
  • Meder, Theo (2018): „ISEBEL: Intelligent Search Engine for Belief Legends“. Volkskunde 119 (1). 87–89.
  • Meyer, Holger; Schering, Alf-Christian; Heuer, Andreas (2017): „The Hydra.PowerGraph System – Building Digital Archives with Directed and Typed Hypergraphs“. Datenbank-Spektrum 17 (2). 113–129.
  • Meyer, Holger; Schering, Alf-Christian; Schmitt, Christoph (2014): „WossiDiA – The Digital Wossidlo Archive“. In: Christoph Schmitt, Holger Meyer, Stefanie Janssen und Alf-Christian Schering (Hrsg.): Corpora ethnographica online. Strategien der Digitalisierung kultureller Archive und ihrer Präsentation im Internet (= Rostocker Beiträge zur Volkskunde und Kulturgeschichte, 5). Münster, New York, München, Berlin. 61–84.
  • Schering, Alf-Christian; Bruder, Ilvio; Jürgensmann, Susanne; Meyer, Holger; Schmitt, Christoph (2011): „From Box to Bin – Semi-automatic Digitization of a Huge Collection of Ethnological Documents“. In: International Conference an Asian Digital Libaries (ICADL'11). 168–171.
  • Schering, Alf-Christian; Bruder, Ilvio; Schmitt, Christoph; Meyer, Holger; Heuer, Andreas (2007): „Towards a Digital Archive for Handwritten Paper Slips with Ethnological Contents“. In: International Conference an Asian Digital Libaries (ICADL'07), Bd. 4822 der Lecture Notes in Computer Science. Springer. 61–64. link.springer.com/chapter/10.1007/978-3-540-77094-7_12.
  • Schmitt, Christoph; Tangherlini, Timothy R. (2018): „Folklore Archives Online. Zur Sichtbarmachung, Auswertbarkeit und Interoperabilität einer dänischen und einer nordostdeutschen Sammlung“. In: Jahrbuch für Europäische Ethnologie 13 (3). 181–204.

Module

  • IDWB „Regionalethnographien Norddeutschlands in der Europäischen Ethnologie“
  • „Profilbildung Literaturwissenschaft“ (= LA/Gy)
  • Master Informatik „Neueste Entwicklungen in der Informatik“ (NEidl) (= Nr. 23526)
  • Master Informatik „Gebietsseminar Informationssysteme“ (23869)
  • Projekt in Wirtschaftsinformatik (Nr. 23793)